Reflexionen des Antikapitalistischen Protesttages am 28.März in Frankfurt am Main

Mit dem Demoblock „Staat.Nation.Kapital.Scheiße. Für die soziale Revolution“, an dem sich um die 2000 Menschen beteiligten, wurde auf der bundesweiten Großdemo versucht linksradikalen antikapitalistischen Protest zu manifestieren, der erstmals seit den Erschütterungen der jüngsten Krise die Basis dieser zu nutzen wissen wollte, um revolutionäre Theorie und Praxis zu vermitteln und eine wirkliche Alternative zum in der „linken“ Öffentlichkeit noch vorherrschenden staatstreuen Reformismus zu präsentieren. Anscheinend wurde der Bewegung wieder bewusst, dass für eine realistische revolutionäre Perspektive ausschließlich eine Massenbewegung ausreichende Kräfte bündeln kann, um revolutionäre Praxis voranschreiten zu lassen.Wir empfinden es nicht als Szenetümpelei, dass der antinationale und antikapitalistische Block zum größten Teil wieder nur aus Szeneaktivisten bestand, denn als hoffentlichen Beginn einer großen Protestwelle muss erst wieder theoretisch angesetzt werden um über die bisherige Szene hinaus Menschen zu mobilisieren oder evtl. sogar für die Bewegung zu gewinnen. Dieser dringend nötige Ansatz wurde auf der Demo ja mehr oder weniger erfolgreich mit theoretischen Flugblättern, Diskussionen mit Mensch um sich herum und anderen Aktionen schon begonnen; wie erfolgreich und verbesserungswürdig wird sich in Zukunft zeigen. Wir meinen, gespürt zu haben, dass sich zumindest der Raum für Diskussion mit Menschen, die vorher der Bewegung eher distanziert gegenüberstanden, ein Stückchen mehr geöffnet hat. Inwiefern das „Feeling“ nach solch einer ersten wieder drastisch revolutionären Massenaktion bezeichend oder ausschlaggebend für das zukünftige Weiterkommen der Bewegung sei ist natürlich noch gar nicht abzuschätzen, trotzdem halten wir es für sinnvoll auch unser subjektiv Erlebtes nicht aus einer vorerstlichen Bewertung der Proteste herauszunehmen, da Mensch ja als erstes bei Diesen selbstständig mit zukünftigen Diskussionen bzw. Aktionen ansetzt und weiterdenkt bzw. weiterhandelt.
Die Anfangskundgebung in Bockenheim war durch einen Lautsprecherwagen der FAU (Freie Arbeiter Union, anarchosyndikalistisch) geprägt, der einen guten und knappen Jingle zur Inhaltsvermittlung öfters laufen ließ und auch durch eben nicht nur an die Szene (gut) formulierte Redebeiträge gefiel. Es wurde in den Beiträgen relativ gut klar gemacht und konnte bei den anwesenden Demonstranten auch größtenteils als Konsens gewertet werden , dass emanzipatorische und progressive Politik sich nicht an einer von vielen Krisen des Kapitalismus, wenn diese auch dramatischer und ausufernder ist, sondern als Problem, als eigentliche Krise, den Kapitalismus erkannt hat und somit als einzige Lösung eine radikale Umwälzung dieses Wirtschaftssystems und eine Überwindung ihrer inbegriffenen (und jetzt auch noch neu überlegten) Herrschaftsverhältnisse und Schutzsysteme funktionieren kann und dies durch das Vermitteln autonomer Strukturen und Selbstverwaltungstheorien und dem gemeinsamen solidarischen Anpacken des Kampfes gegen strukturelle Herrschaftsformen, das Loslösen der unnötigen Abhängigkeit von einer Obrigkeit. Zu diesem Protest gehörte letztendlich auch der Angriff auf Oskar Lafontaines Rede (Vorsitzender der Linkspartei), der sich als Stellvertreter einer staatsfixierten Reformlinken an diesem Protesttag selbst zur Zielscheibe gemacht hat. Hier wurde klar gemacht, dass rassistische, nationalistische und autoritäre Politik auch bei dem Versuch sich als linkspositioniert darzustellen immer angegriffen wird. In diesem Kontext ist die die Absage an Nationalfahnen zu loben, die unseres Erachtens, bis auf einen kleinen Zwischenfall, auch Konsens blieb. Die Demonstration hatte teilweise, zumindest weiter hinten, Probleme mit einer guten Vermittlung der Inhalte des Blockes , da ziemlich durcheinander Sprechchöre gerufen wurden und sporadisch auch dumme Mackersprüche zu hören waren, was aber anscheinend im vorderen Teil des Blockes kein allzu großes Problem gewesen sein soll. Allen in Allem war jedoch wieder mehr Motivation unter den Aktivisten zu spüren, was keinesfalls mit einem Geilsein auf Krawall zu verwechseln ist, sondern eher in spontanerem Aktionismus, der Bereitschaft zur Diskussion zu verbinden ist. Auch die große Teilnahme an unserem Block bestätigte für uns dieses Gefühl. Und auch die Stimmung auf der Demo bestätigte uns diesen Eindruck immer wieder, obwohl sie sich trotzdem erst nach einiger Zeit eingependelt hatte. Die Außenvermittlung war da hingegen weniger wirksam, was aber natürlich auch an der repräsentativen Route durch Teile der Bankengegend und teure Einkaufsgegenden gelegen hat, sowie an dem massiven Polizeiaufgebot. Diese Kritik ist natürlich nur im ganzen Verhältnis zu sehen, da die Demonstrationen an diesem Tag ohnehin schon in der Öffentlichkeit gelandet waren, jedoch meistens negativ durch die abhängigen großen Medien geprägt.
Das riesige Aufgebot der Polizei zeichnet erstmal eine ohnehin immer weiter schreitende Entwicklung des Polizeistaates ab, jedoch ist es aber auch prägend für diese sozial unruhigen Zeiten, denen wir am Anfang stehen und die es mit Aufklärung, Theorie und Praxis von unserer Bewegung zu nutzen gilt. Auch wenn uns bewusst ist, dass diese Krise eigentlich nur eine von vielen ist, die der Kapitalismus seiner Mechanik, seinem Wesen nach produziert, gilt es jetzt wieder vermehrt in der breiten Öffentlichkeit thematisch anzusetzen, da dort die Krise einen anderen Stellenwert einnimmt, der uns eine erste Basis zum Ansetzen bietet. Außerdem müssen wir auch wieder vermehrt reaktionären Tendenzen entgegenwirken, da diese, allein historisch betrachtet, es in solchen Zeiten leichter haben mit ihrer Propaganda an Einfluss zu gewinnen, seien es die Nazis, die Rechtspopulisten oder die Lafontaines. All jenen muss eine emanzipatorische, progressive radikale Linke entgegenstehen. Gegen jeden Staat, jede Nation und gegen den Kapitalismus. Obwohl nach der Abschlusskundgebung am Römer anscheinend keine wirkliche Möglichkeit mehr gefunden wurde, den Protest auf eine selbstbestimmtere Art und Weise weiterzuführen, was sicherlich auch an der äußerst repressiven Polizei nach Ende der Demonstration gelegen haben mag, kann man sagen, dass trotz kleinerer Schwächen unsere politischen Inhalte einen Weg der Vermittlung gefunden haben und dass wir uns von diesem Standpunkt heraus weiterentwickeln und den Protest und den Widerstand immer stärker werden lassen.

Für die soziale Revolution

Anarchistische Gruppe Kreis Bergstraße,
5.4.09